Wolter, Christine - Die Zimmer der ErinnerungChristine Wolter
Die Zimmer der Erinnerung
Roman einer Auflösung.
Mit einer Umschlagzeichnung und einem Frontispiz von Wilfried Fitzenreiter.
156 Seiten, gebunden (Pappband mit Fadenheftung und Schutzumschlag), 17,00 Euro.
ISBN 978 3 93110905 9

Der Leser möge Titel und Untertitel wörtlich nehmen: Roman weist hin auf das kunstvolle Erzählen der Wirklichkeit, der eigenen und der überlieferten; auf das literarische Erinnern. Auflösung meint zunächst die Wohnungsauflösung (im Ost-Berliner Stadtbezirk Köpenick) nach dem Tod der Mutter der Erzählerin — Anlass, sich auseinanderzusetzen mit Intimem, Zeitgeschichte und Mythos gewordener Vorgeschichte, die sich gleichsam in den Zimmern des baufälligen Hauses, an Möbeln, Alltagsgegenständen, in Büchern und Bildern niedergeschlagen hat.

Ich hatte Wegwerfen immer für einen Akt der Freiheit gehalten. Als ich in den Heizungskeller stieg, um die Stöße von Briefen zu verbrennen, die ich in ihren Schränken gefunden hatte und von denen ich nur einen geringen Teil behalten konnte, wartete ich auf ein Gefühl der Erleichterung. Es mußte doch eine Art Freude nach dem Abwerfen all dieses Ballasts eintreten, irgendeine Zufriedenheit. War es nicht eine Art Brandopfer?
Ich verbrannte die Lebenszeichen der Überlebenden, zerknüllte die Signale der Gebliebenen und der Gegangenen, ich äscherte Ansichten aus Thüringen, Mecklenburg, Sachsen ein, las noch einmal die rarer werdenden Grüße aus der weiten Welt hinter der Mauer, dreiundvierzig Jahre in einer Berliner Wohnung …

Christine Wolter, geboren am 30. März 1939 in Königsberg, aufgewachsen seit 1950 in Berlin Ost, lebt seit 1978 in Mailand und jetzt auch wieder in Berlin. Erzählerin, Übersetzerin (u. a. Leonardo Sciascia, Alberto Savinio) und Herausgeberin (u. a. Lyrik von Giuseppe Ungaretti). Mitarbeiterin der Neuen Zürcher Zeitung. Eigene literarische Arbeiten seit den 1970er Jahren. Zum DDR-„Kultbuch“ wurde der Roman Die Alleinseglerin (1982 bei Aufbau) — vordergründig (und so von der DEFA verfilmt) eine ironische Fabel aus dem DDR-Alltag, vielmehr jedoch ein Bekenntnis gegen jeden Dogmatismus.