Eloesser, Arthur - Die Straße meiner JugendArthur Eloesser
Die Straße meiner Jugend
Berliner Skizzen.
Nachdenkliche Spaziergänge im Berlin um 1900.
Hg. und mit einem Nachwort von Peter Moses-Krause.
Mit zeitgenössischen Photographien von M. Mißmann und W. Titzenthaler.
124 Seiten, engl. Broschur, 9,00 Euro
ISBN 978 3 92181080 4

Eloessers Causerien über die „geistige und seelische Beschaffenheit des Berlinertums“ und den Geisteszustand des Großstädters erschienen in den Jahren 1907 bis 1918 im Feuilleton der traditionsreichen Berliner Vossischen Zeitung; eine Auswahl versammelte er 1919 als Buch, das Kurt Tucholsky sofort und leidenschaftlich in der Weltbühne rezensierte.
Eloesser erweist sich in diesen Skizzen als früher Flaneur und genauer Beobachter des Alltags im sich zu einer Metropole des frühen 20. Jahrhunderts wandelnden Berlin. (Tucholsky verglich ihn mit Fontane und Viktor Auburtin.) Eloessers kritische Betrachtungen gehen aus von einer programmatischen Pointe: „Zu einer Heimat wurde mir Berlin erst, als es anfing, mir verloren zu gehen. [Ich fand] meine Heimat erst wieder, indem ich nach ihren spärlichen, von einem rücksichtslosen Fortschritt verschütteten Resten suchte.“

Die altberliner Straße, die mich entstehen sah, es war die feinste nicht, würde ich auch heute noch mit geschlossenen Augen wiedererkennen, und wenn mich liebliche Träume ins Kinderland zurücktragen, so schnüffle ich mich satt an dieser charaktervollen Atmosphäre, die durch die gemeinsamen Beiträge von Pferdeställen, Kaschemmen, Spritfabriken und Käsehandlungen hergestellt wurde.
Es gibt Gestank und Gestank, einen muffigen, klebrigen, kleinbürgerlichen, namentlich in einigen südlichen Vierteln, wo die Leute nur wohnen und nicht arbeiten, und dann jenen anregend kräftigen, reif abgelagerten besonders der alten Zufahrtsstraßen, die vom Osten und Norden zum Zentrum führen …
Hier hat die Luft so wie die Erde ihre Geschichte.

Arthur Eloesser, geboren am 20. März 1870 in Berlin, gestorben am 14. Februar 1938 in Berlin, aufgewachsen im jüdischen Berlin in der Nähe des Alexanderplatzes. Der Sohn einer wohlhabenden jüdischen Kaufmannsfamilie studierte in Berlin und Genf Germanistik und Romanistik; seine Absicht, sich zu habilitieren, wurde erstickt von dem an der Berliner Universität herrschenden Antisemitismus der Treitschke und seiner Gesinnungsgenossen – statt dessen „habilitierte [er] bei der Vossischen Zeitung“, wie er seinem Vater schrieb: 1899 bis 1912 war er Nachfolger Paul Schlenthers (und damit auch von dessen Vorgänger Theodor Fontane) als Theaterkritiker und Feuilletonredakteur. – In den 1920er Jahren wurde er ständiger Mitarbeiter der Weltbühne seines Freundes Siegfried Jacobsohn (zu dessen Tod 1925 er die Gedenkrede hielt) und kehrte 1929 noch einmal, gerufen von Monty Jacob, zur Vossischen zurück. Bis 1933. Eloesser blieb in Berlin, arbeitete mit an der zionistischen Jüdischen Rundschau und war 1933 einer der Initiatoren des Jüdischen Kulturbunds, der kulturellen Selbsthilfeeinrichtung deutscher Juden.
Eloesser verkörperte eine Generation deutscher Juden auf dem Weg vom Ghetto nach Europa, wie der programmatische Titel seines letzten, 1936 im Jüdischen Verlag erschienenen Buchs lautete. Er starb 1938 in Berlin. Sein umfangreiches essayistisches, feuilletonistisches und literaturwissenschaftliches Werk – so die große Deutsche Literatur[geschichte] vom Barock bis zur Gegenwart, in zwei Bänden 1930/31 bei Bruno Cassirer erschienen – und die erste Thomas-Mann-Biographie, ist kaum mehr bekannt.